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Christoph Hagemann

von Susanna Nieder

Christoph Hagemann ist immer zu allem bereit. Orgeln und Podeste transportieren, eine Sondersitzung der Webseitenredaktion einberufen, Noten kopieren, Plakate drucken, auf den Kirchentag fahren – es gibt nichts, was er nicht irgendwie unterbringen könnte; von Proben, Extraproben, Kammerchorproben ganz zu schweigen. Nur, wenn man sich bei ihm bedanken will, stutzt er: Aber wofür denn bloß?

Dabei könnte man sich für einiges bedanken. Vor allem dafür, dass er vielen seiner Chormitglieder etwas ermöglicht, wozu sie allein nicht in der Lage wären: Musizieren, sich auf eine Bühne stellen und singen, und es kommt eindeutig Händel dabei heraus, Bruckner oder Bach. Viele von uns können noch nicht mal richtig Noten lesen. Das ist dem Chorleiter aber schnuppe, dafür macht er Üb-CDs, damit geht das auch. Vorsingen hält er für überschätzt, im Zwölf-Apostel-Chor dürfen alle mitsingen. Wer sich unsicher fühlt, kann in den Einsteigerchor gehen, hinterher klappt es garantiert. „Das ist Gotteslob – und wer bin ich zu sagen, du darfst mitloben und du nicht?“ Christoph sieht seine Aufgabe darin, eine Brücke zwischen denen zu schlagen, die mitsingen und denen, die zuhören wollen.

Dabei entsteht eine direkte Verbindung nach oben, denn Kirchenchor ist Kirchenchor, und Christoph Hagemann ist Kirchenmusiker aus Berufung. Er ist viel jünger als die meisten Chormitglieder, Jahrgang 1982, geboren im Erzgebirge als ältester Sohn engagierter Protestanten. In seiner Heimat landet jeder früher oder später im Posaunenchor, der wiederum in der Nähe der Orgel aufgestellt ist. So gehörte Kirchenmusik für ihn von Anfang an so selbstverständlich zum Leben wie jetzt für seinen kleinen Sohn Noah, der in Begleitung seiner Mutter Johanna – ebenfalls Kirchenmusikerin – bei keiner Aufführung fehlt.

Die Generalprobe für den „Messias“ im Dezember 2009 war ein Teil von Christophs Prüfung zum A-Kirchenmusiker, dem höchsten Abschluss, den man in seinem Fach erreichen kann. Die Prüfung als nebenberuflicher Kirchenmusiker legte er in Dresden ab, noch während er sein Abitur im Internat Pforta bei Naumburg machte. So war er qualifiziert, den Zwölf-Apostel-Chor während seines Studiums an der Universität der Künste Berlin zu übernehmen. 22 Jahre war er da alt, zwölf Mitglieder hatte der Chor. Es kamen immer mehr dazu; seit dem ersten „Messias“ sind es mehr als 50, die Mittwoch für Mittwoch zur Probe kommen.

Dass er ein „schüchterner Knabe“ war, kann man Christoph auch heute noch anmerken; zu denen, die mit breitem Fuß und großer Geste auftreten, gehört er mit seiner hellen Sprechstimme und dem raumgreifenden Kinderlächeln eher nicht. Aber seine Singstimme ist Bass, und wenn er Musik macht, sieht er mit seinem schmalen slawischen Asketengesicht aus, als sei er einer russischen Ikone entstiegen. Dann ist er geerdet und träufelt dem Chor geschickt sein Können und Fachwissen ins Ohr.

Er hat sehr genaue Vorstellungen, wie die Musik klingen soll, und findet immer wieder neue Wege, um die Sänger dahin zu locken, wo er sie haben will. Es kommt vor, dass wir in der Probe rhythmisch hopsend und mit schlackerndem Kiefer die Musik auf „da-da-da“ singen – sieht bescheuert aus, klingt aber am Ende schöner, stärker, strahlender als sich die Chormitglieder das hätten erträumen können. Wir sind nicht der Rias-Kammerchor, aber bei allen kleinen Schrammen und Schnitzern hört man auf der Aufnahme der ersten „Messias“-Aufführung, dass die Musik so klingt, wie sie von Händel gedacht war.

Und das ist ein riesengroßes Geschenk, lieber Chorleiter. Dafür bin ich Dir so was von dankbar – und ich wette, es geht noch ein paar anderen Chormitgliedern so. Darum gewöhn Dich einfach daran, dass man Dir dankt. Selbst die Ungläubigen und die nicht so Frommen unter uns danken ja gleichzeitig auch dem Großen Chorleiter.